Sexualität und Behinderung
Hallo liebe interessierte Leser,
auf dieser Seite möchte ich, durch die nachstehenden Referate, näher auf das Thema "Sexualität und Behinderung" eingehen . Leider tun sich noch immer viele unserer Zeitgenossen mit diesem Thema sehr schwer.
Ich selber bin an "Multipler Sklerose" erkrankt und benutze seit 4 Jahren einen Rollstuhl, weiß also wovon ich rede. Ich würde mir wünschen, dass sich durch die folgenden Referate die Wahrnehmung der Gesellschaft für unsere Belange als Menschen mit einer Behinderung sensibilisieren würde.
Wir wollen nichts mehr, als als gleichwertige Mitmenschen, mit all ihren Anteilen und Wünschen, mit ihren Gefühlen und Sehnsüchten akzeptiert zu werden.
Ich hoffe, dass diese Seite dazu beitragen wird.
Laura
Sexualität und Behinderung - noch immer ein gesellschaftliches Tabuthema?
Einleitung:
Mein Referat wird sich zum Teil auf eine Hausarbeit von Nana Hamfler, wie ich MS-Betroffene, stützen. Sie stellte mir ihre Arbeit vor Jahren für meine Internetselbsthilfegruppe (www.ms-interaktiv.de) zur Verfügung, wofür ich ihr an dieser Stelle noch einmal danken möchte.
Es ist eine wissenschaftliche Arbeit, in die aber auch ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit einfließen, wodurch die Ausführungen an Authentizität gewonnen haben. Eine wichtige Erfahrung während ihrer Recherchen war, dass entgegen anders lautender Meinungen, z. B. in der Literatur und in Selbsthilfegruppen dieses Thema durchaus offen diskutiert wird – was meines Erachtens auch unbedingt notwendig ist. Die Kommunikation ist das einzig probate Mittel, um Probleme jedweder Art erkennen, bearbeiten und lösen zu können.
I. Inhalt:
1. Sexualität und Behinderung - ein Tabuthema?
2. Was ist Sexualität?
3. Schön und leistungsfähig=perfekt?
4. Störungen der Sexualorgane und der erogenen Zonen.
5. Veränderungen der körperlichen Wahrnehmung und ihre Folgen.
6. Neue Wege
7. Ausblick
1. Sexualität und Behinderung - ein Tabuthema?
In der heutigen Gesellschaft ist das Thema Sexualität allgegenwärtig. Im Vergleich zu früheren Jahren, stellen die Themen „Sexualität, Empfängnisverhütung, Abtreibung etc.“ in der öffentlichen Diskussion kein Tabu mehr dar. Auch die Emanzipation der Behinderten ist vorangeschritten. Durch Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit von Behindertengruppen und politischen Diskussionen, wurden Behinderte mit ihren vielfältigen Problemen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Zweifelsohne gibt es hier noch reichlich Handlungsbedarf – aber die Situation der Behinderten hat sich durch dieses geänderte Bewusstsein in der Öffentlichkeit verbessert. Umso dringlicher stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, warum die Verbindung von Sexualität und Behinderung noch immer ein so wenig behandeltes Tabuthema ist. Mit annähernd zehn Prozent der Gesamtbevölkerung stellen Behinderte nicht mehr nur eine Randgruppe dar. Und doch könnte man fast glauben, dass es sich hierbei um asexuelle Wesen handelt, wenn man sich die gesellschaftliche Wahrnehmung dieses Themas einmal näher anschaut.
Sexuelle Probleme Behinderter werden bereits innerhalb der medizinischen und sozialarbeiterischen Ausbildungszweige großzügig ausgespart, die Mitglieder der diversen Fachberufe besitzen häufig keine oder nur eine geringe Kenntnis der Problematik bzw. neigen zu einer „verwissenschaftlichten“ Herangehensweise. Wer nimmt schon einen Rollstuhlfahrer, den er zufällig trifft, als Menschen mit sexuellen Bedürfnissen wahr oder betrachtet ihn (oder sie natürlich) hinsichtlich seiner/ihrer sexuellen Ausstrahlung als möglichen Sexualpartner? Dies geschieht im Gegensatz zu offenkundig nicht behinderten Menschen doch wohl eher selten. Man streichelt dem „kleinen“ Rollifahrer über das Haar, oder schenkt ihm Schokolade oder Salznüsse (eigene Erfahrungen)…
Dies kann nur zu der Erkenntnis führen, dass es mit der angeblichen Offenheit, Enttabuisierung und Permissivität gegenüber dem Thema Sexualität bzw. Behinderung nicht gerade zum Besten bestellt ist und die Allgemeinheit keineswegs so progressiv ist, wie man immer gerne glauben möchte. Es bleibt also noch sehr viel Arbeit zu leisten, bis die Sexualität endlich als Notwendigkeit und Funktion des Menschen begriffen wird, sei er nun behindert oder nicht.
2. Was ist Sexualität?
Das Erleben von Sexualität ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig, zu welchen auch psychische, soziale und kulturelle gehören. So ist das positive Selbstbild eines Menschen eine entscheidende Voraussetzung für eine erfüllte Sexualität.
PRO FAMILIA definiert eine „Ganzkörper-Sexualität“ wie folgt:
Orgastisches Erleben ist nicht auf die Intaktheit der genitalen Funktionen angewiesen (es kommt vor, dass trotz aller Intaktheit der Sexualorgane kein Orgasmus entsteht, weil die psychischen Gegebenheiten nicht stimmig sind). [...] Mit jedem unserer Sinnesorgane können wir erotische und sexuelle Reize wahrnehmen, nicht nur die „erogenen Zonen“ unseres Körpers, sondern alle Körperbereiche sind in der Lage, auf Stimulierungen sexuell zu reagieren. (Pro Familia)
Dies impliziert, dass auch alle anderen Reize jenseits des Genitalbereiches (wie Phantasien, Blicke, Wünsche, Gerüche, Geschmack und Zärtlichkeiten) integraler Bestandteil unserer Sexualität sind und zu lustvollem Empfinden beitragen.
3. Schön und leistungsfähig = perfekt?
Sexualität wird in unserer Gesellschaft gleichgesetzt mit Jugend, Schönheit, Gesundheit, Erfolg und Unversehrtheit. Um sexuell attraktiv zu sein wird uns tagtäglich auch gerade durch die Medien suggeriert, dass wir dem Schönheitsideal des schlanken, jungen und allzeit leistungsfähigen Menschen zu entsprechen haben. Freude an Sexualität, so wird uns vermittelt, hat nur, wer sich den gängigen Wünschen nach Perfektion und dem Idealtypus unterwirft. Alte Menschen beispielsweise gelten noch heute für viele als asexuelle Wesen, ohne sexuelle Wünsche und Bedürfnisse. Bei diesen vorherrschenden Idealen und ständig präsenten Darstellungen nimmt es daher nicht Wunder, dass sich viele Menschen, und nicht nur Behinderte, als minderwertig, inadäquat oder defizitär empfinden.
Während sich einige völlig „Gesunde“ chirurgisch dem vorherrschenden Idealbild vom makellosen Menschen anpassen lassen, hungern gleichzeitig Menschen freiwillig und geben horrende Summen für Schlankheitskuren aus, nur um sich einem möglicherweise gar nicht so gesunden Bild eines extrem schlanken (und damit gleichzeitig als schön und leistungsfähig empfundenen) Menschen um nahezu jeden Preis anzunähern. Es ist offenkundig, dass gerade körperlich Behinderte diesem Idealtypus nur in den seltensten Fällen entsprechen können. Sie betrachten sich daher oftmals als unattraktiv, gestehen sich kein Recht auf Sexualität zu und/oder glauben sich ohnehin chancenlos, einen Sexualpartner finden zu können.
Genau hier sollte die Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit für Behinderte ansetzen. Die Aufgabe besteht darin, das Selbstwertgefühl dieser Menschen zu fördern und eine intensive Kommunikation zu diesem Thema in Gang zu bringen. Eine Aussöhnung mit dem eigenen Körper, der als fehlerhaft empfunden wird und das Annehmen genau dieses Körpers sind die besten Voraussetzungen für ein ausgefülltes Sexualleben. Grenzen, können überwunden werden, indem man behinderte Menschen aktiv darin unterstützt und ermutigt, eigene Formen von Sexualität zu erkunden und zu entwickeln und ihnen Hilfsmittel vorstellt und an die Hand gibt, die es ihnen ermöglicht, ein selbstbestimmtes und erfülltes Sexualleben zu führen.
L. Sandfort äußert hierzu einen Gedanken, der nicht ausschließlich auf Behinderte zutrifft:
„Natürlich reichen Äußerlichkeiten alleine für eine erfüllte Beziehung selten aus. Wichtig ist auch, wie selbstbewusst wir uns präsentieren. Das ist das eigentliche Ziel der Emanzipation, sich so zu mögen, dass wir tatsächlich glauben können, dass wir begehrenswert sind. Wahre Schönheit kommt von innen, heißt es so gelungen.“ L. Sandfort
4. Störungen der Sexualorgane und der erogenen Zonen
Bei den organischen Störungen werden leider oft genug noch immer nur diejenigen betrachtet, die einen Einfluss auf die Genitalregion haben, nicht jedoch die anderen Körperregionen wie beispielsweise die erogenen Zonen, die an der sexuellen Reaktion ebenfalls maßgeblich beteiligt sind.
Einige Behinderungen können Auswirkungen auf die Empfindungsfähigkeit eines Orgasmus haben, auch wenn die Fähigkeit zur vollständigen körperlichen Reaktion vorhanden ist. Beim Orgasmus handelt es sich eher um ein „geistiges“ und weniger um ein Erlebnis des Unterkörpers, auch wenn dies heute noch immer gerne anders dargestellt wird. So berichten Männer mit Rückenmarksverletzungen, dass sie durchaus das Erleben eines Orgasmusses ohne Ejakulation und sogar ohne genitale Stimulation wahrnehmen können.
Im Bereich der Libido können im Zusammenhang mit einigen Erkrankungen ebenfalls Defizite auftreten. Die Libido umfasst die sexuelle Erregbarkeit, einerseits hervorgerufen durch psychische Reize und andererseits durch direkte Stimulation der Genitalien; diese Reize sind reflexive Reize, da sie auch ohne Beteiligung des Gehirns z.B. nach dem Durchtrennen des Rückenmarks zu sichtbarer sexueller Erregung führen können.
5. Veränderungen der körperlichen Wahrnehmungen und ihre Folgen
Hierbei stellen die Fähigkeit zu sexuellem Umdenken und intensiver Kommunikation die bedeutendste Grundlage zur Verarbeitung dar. Insbesondere die Kommunikation mit den jeweiligen Sexualpartnern ist unverzichtbar. Welche Anpassungen der Sexualität müssen aufgrund von Behinderungen vorgenommen werden? Welche Probleme sind entstanden? Wie reagiert der Partner/die Partnerin auf Störungen der Sexualität, nimmt er sie überhaupt wahr und wie bedeutend empfindet er/sie sie? Offenheit mit sich selbst und im Gespräch sind eine unverzichtbare Voraussetzung zur Lösung von Problemen, dies gilt für jede Form von Störungen der Beziehung, nicht nur für sexuelle Schwierigkeiten. Die Suche nach sexuellen Alternativen muß in den Verarbeitungsprozeß integriert werden. Die bei uns herrschende gesellschaftliche Vorstellung, nur Geschlechtsverkehr sei „richtige“ Sexualität ist zu hinterfragen. Neue Praktiken und Techniken sowie alternative Formen der Sexualität müssen vielleicht entwickelt werden, wenn ein Mensch behindert ist oder wird, welche aber durchaus zu einer funktionierenden und befriedigenden Form der Sexualität zu führen imstande sind. Die eigene Sexualität muß angenommen werden und vielleicht veränderte Bedürfnisse müssen dem Partner mitgeteilt werden.
6. Neue Wege
„Jeder Mensch, gleich welchen Geschlechts und Alters, ob behindert oder nicht, ist ein geschlechtliches Wesen.[ ] …und es ist kaum eine Behinderung denkbar, bei der der Wunsch nach Sexualität völlig fehlen würde….“ Richter, a.a.O., S. 59
• Sexualhilfe
Unbestritten nachvollziehbar ist die Forderung Betroffener, behinderten Partnern beim Ausleben ihrer Sexualität behilflich zu sein. Dies kann z.B. durch die pflegenden Personen, oder andere Vertrauenspersonen ermöglicht werden, indem man beide Betroffenen durch geeignete Liegepositionen und/ oder entsprechend ungestörte Räume die notwendigen Voraussetzungen hierfür vorgibt.
• Sexualbegleitung
Hierbei handelt es sich um ein relativ neues Konzept, dass durch Selbsthilfegruppen vorwiegend behinderter Männer entstand. In diesen Gruppen wurden diverse Forderungen aufgestellt wie beispielsweise die, nach Anerkennung von sexueller Befriedigung als Teil der Gesundheitspflege und die finanzielle Ermöglichung von Besuchen durch männliche oder weibliche Prostituierte. Die letzte Bestrebung wurde innerhalb der Medien und der Bevölkerung auch als „Sex auf Krankenschein“ bekannt. Meines Erachtens suggeriert dieser Ausdruck jedoch, dass die Sexualität von Behinderten als „krank“ bezeichnet werden muss! Krankenkassen sind für die Behandlung von Krankheiten, und für Hilfsmittel zu deren Abhilfe zuständig. Ein bezahlter Sexualpartner behandelt aber niemanden im medizinischen Sinne. Die Finanzierung sollte daher gegebenenfalls über die Sozialhilfe erfolgen, damit Behinderte Kunden von Sexualdienstleistern bleiben können und nicht zu Bittstellern degradiert werden.
Dieses Konzept beinhaltet u. a. die Beratung der von Behinderung Betroffenen. Zudem werden Workshops zu verschiedenen Themengebieten angeboten, wie z. B. die so genannten „Erotik-Workshops“, in denen unter Anleitung, den Behinderten im gemeinsamen Miteinander und/ oder auch unter Zuhilfenahme von Sexualbegleitern bzw. –begleiterinnen, die Wahrnehmung des eigenen Körpers und die Erotik näher gebracht wird. Diese Sexualbegleiter können ehemalige Prostituierte oder anderweitig interessierte, offene Personen sein, die sich mit Behinderten und ihren Problemen auseinandersetzen und ihnen bei der Entwicklung und Umsetzung einer eigenen Form der Sexualität behilflich sein wollen.
Einen Gedanken möchte ich an dieser Stelle jedoch deutlich hervorheben: Egal in welcher Form und mit welchen Mitteln auch immer die „Sexualhilfe“ angeboten wird, ist es von äußerster Wichtigkeit, sich eine klare Grenze zwischen Hilfe und Missbrauch bewusst zu machen, denn Abhängigkeit kann leicht für die eigenen Bedürfnisse ausgenutzt werden. Es besteht daher immer die Gefahr, dass jene Grenze verschwimmt oder überschritten wird. Deshalb dürfen ausschließlich der Wille und das Wohl des einzelnen Menschen mit Behinderung im Zentrum des Handelns stehen. Diese Grenze darf niemals, auch nur ansatzweise, weder von seitens eines Mitbetroffenen noch eines „Sexualbegleiters“ oder einer anderen Person überschritten werden.
Im Gegenzug dürfen jedoch sexuelle Kontakte, die in beidseitiger Übereinstimmung stattfinden, weder moralisch noch rechtlich verurteilt bzw. sanktioniert werden
„Moral und Ethik haben nichts damit zu tun, mit [...] wem man ins Bett geht, sondern wie Menschen miteinander umgehen“, stellt PRO FAMILIA hierzu äußerst treffend fest.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf das Buch von Lothar Sandfort „Hautnah“ hinweisen, aus dem ich in dieser Arbeit mehrfach zitiere.
7. Ausblick
Eine Behinderung, die von Geburt an besteht oder später im Leben auftritt, bedeutet nicht, dass kein erfülltes Sexualleben geführt werden kann oder das Intimleben auf einmal beendet ist. Die meisten Grenzen setzen wir uns selbst, sie existieren nur in unseren Köpfen und sind keine unumstößlichen, faktischen Gegebenheiten. Eine Gesellschaft, die Sexualität gleichsetzt mit Geschlechtsverkehr, erschwert nicht nur Behinderten das Leben, sondern das von Nichtbehinderten ebenso. Es liegt auch an uns selbst, gewohnte Denkmuster zu hinterfragen und alternative Formen von Sexualität zu entwickeln oder als gleichberechtigt anzuerkennen. Ein unvoreingenommenes Herangehen an das Thema Sexualität und Behinderung und die Entwicklung einer offenen Kommunikationsstruktur erscheinen mir unerlässlich zu sein. Das Thema Sexualität ist mit einer Körperbehinderung keineswegs ad acta gelegt, es müssen eben nur manchmal gewisse Anpassungen vorgenommen werden. Gerade neueren Entwicklungen wie der Ausbildung und dem Einsatz von Sexualbegleitern sollten wir vorurteilsfrei gegenüberstehen und diese Bemühungen um die Emanzipation von Behinderten mit dem Recht auf ein erfülltes und selbstbestimmtes Sexualleben sollten wir anerkennen und zu fördern versuchen...
Wer mehr über mich erfahren möchte, findet mich hier:
http://www.beepworld.de/members52/laura50/Ich fühle, ich küsse, ich liebe...
Moin, Moin,
wie versprochen, werde ich an dieser Stelle das Thema "Sexualität und Behinderung" weiter fortführen. Im Folgenden könnt ihr ein Referat von Andrea Mielke lesen:
Ich fühle, ich küsse, ich liebe...
Sexualität, Erotik, Sinnlichkeit im Kontext körperlicher Behinderung sind nicht nur Rechte jedes Menschseins, sondern Pflicht des Ganzseins. Sind sie gut im Bett? Wer diese Frage nicht mit einem spontanen „ja“ beantworten kann, ist sexuell out und kann allerhöchstens mit einem Intensivkurs „wie steigere ich meinen gut-im-Bett-Faktor“ retten was zu retten ist. Das jedenfalls könnte man meinen, wer die Überschriften in diversen Zeitschriften liest. Aber wer von uns lässt sich denn schon von den Medien oder anderen vorschreiben wie er oder sie sexuell glücklich werden kann? Jeder von uns hat seine eigenen Vorstellungen im Kopf und je nach Lebensart und Alter mehr oder weniger Erfahrung gesammelt. In der Werbung werden Produkte durch erotische Symbole zweckentfremdet und sind als „Lifestyle“ sehr gut zu vermarkten. Nirgendwo gibt es ein Entrinnen vom Druck auf die Lust und jeder von uns, ob behindert oder nicht, ist den Primärreizen ausgesetzt. Behinderte Menschen aber können sich nicht so leicht bedienen und sind am freien Markt der sehnsuchtsvollen Herzen kein interessantes Objekt der Begierde. Zwangloses Kennen lernen und Ausprobieren ist in erster Linie nichtbehinderten Menschen vorbehalten, die sich gar keine Gedanken machen, wie leicht – oder auch manchmal schwer (die Qual der Wahl) - sie es doch haben.
Nicht nur gesellschaftliche Ignoranz führt dazu, dass behinderte Menschen oft keinen natürlichen Umgang mit Sexualität haben. Spontanaktionen sind aufgrund architektonischer Rahmenbedingungen schwer möglich, das Flirten wird vom Fahrtendienst unterbrochen. Rotbejackte Männer mit weißem Kreuz „führen“ einen aus dem Lokal ab. Man fühlt sich wie eine Gefangene oder Sterbenskranke. Diskriminierung pur! Wie soll da Frau oder Mann sich als begehrenswerte und attraktive Person empfinden, wenn man mit dem Stempel des Krankseins gleichgesetzt wird nur weil man eine Wegstrecke von a nach b bewältigen
muss? Wie weiterflirten, wenn das Timing der Organisation oberste Priorität hat?
Selten sind Begegnungsmöglichkeiten im öffentlichen wie privaten Bereich barrierefrei. Wie komme ich wohin und kann ich überhaupt hinein? Welchen meiner Freunde kann ich in seiner Wohnung besuchen? Ist ihre Wohnung barrierefrei?
Im Zeitalter einer hochtechnisierten Welt und einem Lebensgefühl von „fast alles scheint möglich“, sollten dies nicht mehr die Hindernisse von Begegnungs- und Kontaktmöglichkeit sein. In einer Zeit wo Sexualität kein Tabu mehr ist und uns überall im Alltag begegnet, ob wir es wollen oder nicht, stellt sich die Frage, was ist sie überhaupt? Man könnte sagen: Sexualität ist das, was Menschen sich darunter vorstellen, oder was wir uns daraus machen.
Sie ist eine teure oder billige Ware, Mittel zur Fortpflanzung, Abwehr gegen Einsamkeit, eine Form der Kommunikation, ein Werkzeug der Aggression, der Herrschaft, der Macht, der Strafe und der Unterdrückung. Ein kurzweiliger Zeitvertreib, Liebe, Kunst, Schönheit, ein Grund zur Selbstachtung, eine Form der Zärtlichkeit, eine Art der Rebellion, eine Quelle der Freiheit, Pflicht, Vergnügen, Spiritualität, Vereinigung mit dem Universum, mystische Ekstase, Todeswunsch oder Todeserleben, ein Weg zum Frieden, eine juristische Streitsache, eine Technik, eine biologische Funktion, Ausdruck psychischer Gesundheit oder Krankheit oder einfach eine sinnliche Erfahrung.... Und was hat es mit dem hochgepriesenen Orgasmus auf sich? Was ist er? Was kann er? Was soll er uns sein und wie soll er sich anfühlen?
Nach Wilhelm Reich: Funktion des Orgasmus – die Orgasmusformel, besteht ein Orgasmus aus: ANSPANNUNG – AUFLADUNG – ENTLADUNG – ENTSPANNUNG. Mechanisch – wie eine mathematische Formel und vor allem das Ergebnis muss stimmen. Sei gut im Bett, schön zum präsentieren dann bist du in.
Wenn wir nun all diese Gedanken durch unseren Kopf wandern lassen und mit dem Begriff Behinderung paaren, was sind dann die ersten Assoziationen, wenn sich die Komponenten Sexualität & Behinderung zu einem Gedankenstrang verbinden?
„Geht das überhaupt?... Hab ich noch nie probiert, aber könnte ich mir vorstellen... Auf gar keinen Fall!... Vielleicht eine interessante Erfahrung... Ich bin ja nicht von der Caritas!... Spüren die überhaupt was beim Sex?... Nein, das wäre mir zu stressig... Warum nicht, wäre mal was anderes... Was mache ich, wenn ich die nicht mehr los werde?... Ich will mal Kinder und ich weiß nicht ob... Ist mir viel zu viel Verantwortung... Gehen sollte er schon können... Behindert bin ich selbst... Ja, da habe ich schon mal was im Kino gesehen...“ Nach wie vor sind es die „Schönen“ und „Makellosen“, die Funktionstüchtigen die wir besonders schätzen, die wir mit Gesundheit und Lust assoziieren, denen wir hinterher hecheln, manche von uns mehr, manche weniger erfolgreich.
Körperlichkeit, Sinnlichkeit, Erotik und Sexualität sind vitale Ausdrucksmöglichkeiten und Eindrücke im menschlichen Leben die sehr viel mit Genießen, Austausch und Lebendigkeit zu tun haben. Wenn diese mit Behinderung, Bewegungslosigkeit, Abhängigkeit und Andersartigkeit gepaart sind, passen sie scheinbar nicht mehr in unser Bild von Lust und Leidenschaft und befremden, machen Angst und Erzeugen Ablehnung, Aussonderung und Diskriminierung.
Somit werden Menschen mit Behinderung immer noch als geschlechtslose Wesen betrachtet und als asexuelle Personen im Lebensalltag wahrgenommen. Sehr schön demonstriert sich diese Tatsache an der gängigen Toiletteneinteilung für Damen, Herren und Behinderte. Natürlich kann man nun über den technischbaulichen und finanziellen Aspekt dieser Dreiteilung diskutieren, dennoch zeigt er auf subtile und doch sehr eindrückliche Weise wie der behinderte Mensch in seiner Geschlechtlichkeit im öffentlichen Raum gesehen wird.
Der behinderte Mensch passt nicht in das von Medien verbreitete und konservierte Bild einer Person mit erotischer Ausstrahlung. Er erfüllt nicht die Auswahlkriterien einer sexuell attraktiven und begehrenswerten Person und wenn ihnen großzügig so etwas wie sexuelle Empfindungen zugestanden werden, dann möchte der sogenannte nichtbehinderte Mensch als Sexualpartner aber bitte verschont bleiben. Für Menschen mit Behinderung gibt es, was Sexualität und Erotik betrifft, keine sozialen Orientierungshilfen oder positive Rollenbilder.
Eltern, Betreuer, Lehrer, fast alle (leider nur sehr wenige Ausnahmen bestätigen die Regel) versuchen so lange es nur irgendwie geht, die Kindheitssituation aufrechtzuerhalten und glauben damit den beginnenden Fragen von Liebesfähigkeit, Sexualität und Partnerschaft, die Antworten suchen, aus dem Weg gehen zu können. Die Schönheitsnormen und die damit verbundenen Darstellungen haben stark ausgrenzenden Charakter. Erotik und Sexualität sind demnach nicht vorgesehen für viele Gruppen von Menschen: Dicke, Kranke, behinderte Menschen und ältere Frauen.
In einer Gesellschaft zu leben die Maßstäbe von Weiblichkeit, Attraktivität, Sinnlichkeit und Erotik so setzt, dass fast keine, oder nur sehr, sehr wenige Frauen sie erreichen können, schließt Frauen mit Behinderung zur Gänze aus. Sie kommen nicht einmal in die engere Wahl dazuzugehören. In vielen Gesprächen mit behinderten Frauen erfuhr und erlebte ich, dass es allen, egal wie schwer oder leicht die sichtbare Behinderung ist, auf ähnliche Weise ergeht. Viel Schmerz, Trauer und Wut wird dabei sichtbar und oft gelingt es nur durch einen einsamen und kämpferischen Weg ein Selbstbild als Frau für sich zu entwerfen. Frau mit Behinderung erfährt somit doppelte Diskriminierung.
So ist es für viele heute noch immer unvorstellbar, dass behinderte Frauen auch Mütter sein können und wollen, auch wenn sie selbst auf persönliche Assistenz im Alltag angewiesen sind. Behinderten Männern traut man im Gegensatz dazu eher eine Vaterschaft zu, weil in den Augen vieler Menschen, die Kinder- und Erziehungsarbeit vorwiegend von (nichtbehinderten) Frauen gemacht wird. Auch wurde in mehreren Untersuchungen bestätigt, dass behinderte Frauen wesentlich seltener einen Lebenspartner finden als behinderte Männer. In der Paar-Konstellation behinderter Mann und nichtbehinderte Frau, scheint unsere Gesellschaft mehr akzeptable und gängige Rollenbilder vorzuweisen, als umgekehrt. So sollte eine Frau ohnehin die Rolle als treue Ehefrau, sorgende Mutter, perfekte Haushälterin, geistreiche Gesprächspartnerin, Managerin, Krankenschwester und attraktiv-hinreißende Geliebte in einer Person verkörpern.
Meine Sozialisation als Frau gab es somit nicht und ich musste mich ganz alleine auf den schweren Weg machen mein Frausein, mit meinen Möglichkeiten, für mich zu suchen und zu finden. Es war ein oft schmerzlicher Weg mit vielen enttäuschenden Erfahrungen, vielen Verliebtheiten und immer wieder männlicher Ablehnung. Ablehnung und somit auch Abwertung, letztlich Diskriminierung, weil ich mit dem notwendigen Elektro-Rollstuhl, als eindeutig sichtbares Merkmal, eine bedürftige und behinderte Frau, die bewegungsunfähig und abhängig ist, die „Krankheit“ sichtbar macht, verkörpere und darstelle. Das macht Männern Angst und befremdet und Gedanken an Weiblichkeit und Sinnlichkeit sind weit entfernt.
Das körperliche und geistige Anderssein eines Menschen mit einer Behinderung beinhaltet ein Element der Fremdheit und Angst und setzt die gültigen Spielregeln außer Kraft. Verunsicherung und Befremdung bestimmen den zwischenmenschlichen Kontakt. Das führt zu Gefühlen von Peinlichkeit und Unbehagen auf beiden Seiten. Hinzu kommen Probleme bei der Interaktion zwischen Menschen die zu Missverständnissen und Kommunikationsschwierigkeiten führen können. Es ist an die vielen Vorurteile und Probleme zu denken, die Menschen mit Behinderungen entgegengebracht werden. Im Blickfeld und in der Betrachtungsweise werden Menschen mit Behinderungen sehr leicht nur auf ihre Beeinträchtigung reduziert. Wenn von einer Behinderung die Rede ist, dann werden damit in der Regel Hilflosigkeit, Defizite, Schwächen und Schädigungen verbunden. Positive Assoziationen sind sehr selten. Das Problem Sexualität-Behinderung-Integration ist also ein zwischenmenschliches. Soziale Integration behinderter Menschen – auch im Bereich Sexualität – darf jedoch nicht bedeuten, dass Menschen mit Behinderung sich ausschließlich an der Norm der Nichtbehinderten orientieren und an diese angleichen müssen.
Was sind nun aber die Einflüsse und Rahmenbedingungen, die eine normale Entwicklung und Entfaltung von Sexualität bei Menschen mit Behinderungen erschweren und manchmal sogar ganz verhindern?
Da wären zunächst einmal die politischen wie gesellschaftlichen Strukturen: Hospitalismus, Heimunterbringung und Ausgrenzung auf vielen Ebenen. Behinderte Menschen leben oftmals in einem Sonderkreislauf – Sonderkindergärten, Sonderschulen, besonders geschützte Arbeitsplätze, gesonderte Wohnformen und der Sonderfahrtendienst bieten die aussondernde Lebenseinstellung im Alltag. Hier würde es als runden Abschluss nur mehr an der Schaffung eines Sonderfriedhofes fehlen um den Kreis zu schließen. Diskussionen über wertes und unwertes Leben, Kosten-Nutzen-Rechnungen sind keine gute Grundlage um über Sexualität und Behinderung zu sprechen. Hier geht es nicht um ein gegenseitig bereicherndes Miteinander, hier geht es ums Überleben und um Fragen der Existenzberechtigung. Solange ich um meine Grundrechte kämpfen muss, brauche ich an Sex nicht einmal zu denken.
Erotik, Sexualität und Liebe leben aber von gegenseitiger Achtung, Offenheit und wechselseitigem Verstehen. Sie können sich in einem repressiven Rahmen kaum entwickeln. Aber auch auf der Grundlage gesellschaftlicher Strukturen, in denen die Wahrnehmung von behinderten Menschen auf die Kategorie nutzlose, belastende, bedauernswerte Geschöpfe reduziert ist, enthält der Gedanke an Sexualität einen merkwürdigen Beigeschmack.
Anders in einem Gesellschaftssystem, in welchem Integration von Menschen mit Behinderung angestrebt und im Sinne der Betroffenen umgesetzt wird: wo bereits im Vorschul- und Schulbereich Begegnungsräume geschaffen werden, Ausbildungsmöglichkeiten und vor allem berufliche Chancen für behinderte Menschen auch tatsächlich bestehen, wo sich jeder in der Stadt barrierefrei bewegen kann und nicht von Sonderdiensten abhängig ist, wo genug Geldmittel zur Realisierung einer freigewählten und selbstbestimmten Lebensform mit - wenn nötig persönlicher Assistenz rund um die Uhr - vorhanden sind. Dort entsteht auch der Raum und der Boden für gegenseitige Anziehung jeglicher Art – sexuelle selbstverständlich eingeschlossen.
Bedingungen haben natürlich eine Auswirkung auf die Sozialisation und Erziehung von behinderten Menschen und deren Familien. Oftmals ist die geschlechtsspezifische Erziehung von behinderten Kindern und Jugendlichen eher angstbesetzt oder findet halbherzig oder gar nicht statt. Spätere Freundschaften, Liebesbeziehungen, Partnerschaften, Heirat, Kinder, Hausbau, Karriere etc. sind kein Thema. Solche Zukunftsperspektiven werden nicht in Betracht gezogen und zum Teil werden behinderte Heranwachsende nicht mal aufgeklärt.
Wenn die Erwägung oder die Möglichkeit einer späteren Partnerschaft und Beziehung niemals verbal angeklungen ist und sei es auch nur in banalen Alltagsbemerkungen wie: „deine Frau wird es mal schwer mit dir haben“ oder „na warte nur, bis du selbst einmal Kinder hast“, sondern sich im Gegensatz dazu negative Äußerungen breit machen: „du kannst nicht wählerisch sein, du musst froh sein, wenn du überhaupt einen abbekommst“ oder „wozu ein neues Kleid anziehen, dich schaut ja eh keiner an“ ist es nur allzu verständlich, dass sich ein positives Bild von einem selbst kaum entwickeln kann.
Diese Prophezeiungen können einen permanent zwingenden Charakter haben. Es ist schwer ihnen zu entrinnen.
Letztendlich ist natürlich die aktuelle persönliche Situation eines Menschen mit Behinderung wichtig für die Umsetzungsmöglichkeiten und Gestaltung von Sexualität, Beziehung und Partnerschaft. Pflege und Erotik muss strengstens getrennt sein, um eine beidseitige Begehrlichkeit aufrechtzuerhalten. Wer seinen Partner waschen, abtrocknen, anziehen, frisieren muss, der kann ihn unmöglich in einem autonomen Lustbereich wahrnehmen. Hier erhält persönliche Assistenz noch einen höheren Stellenwert den sie ohnehin schon hat. Dazu gehören materielle Voraussetzungen wie bereits erwähnt: Ausbildung, Arbeit, Wohnraum, Assistenz und Bewegungsfreiheit im öffentlichen Leben. All diese Bedingungen sind in ihrer sozialen Auswirkung sehr wichtig für das Selbstwertgefühl, Zufriedenheit mit sich selbst und die Wahrnehmung und Beurteilung der eigenen Bedeutung. Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit sowie Selbstschätzung bilden die Basis dafür, dass jemand in der Lage ist, Chancen zu erkennen und zu ergreifen und sich selbst auch gestaltend einzubringen. Sie sind wichtig um aus einer passiven Opferhaltung herauszufinden hin zu einem mündigen und selbstbestimmten Menschen.
Zur Selbstbestimmung schreibt Elisabeth Löffler in einem Artikel: „Selbst zu bestimmen, wer dich wann, wie und wo berühren darf. Spätestens in der Pubertät lässt es sich nicht mehr leugnen: unser Körper ist anders. Wir sind anders. Die Burschen wollen nur reden, die Mädchen sehen in uns keine wirkliche Gefahr im Kampf um die Gunst eines potentiellen Sexualpartners und die Erwachsenen bemühen sich, dir zu versichern, dass es auf die inneren Werte ankommt. Scheiße, denkst du, ich will ficken!
Das ist ein Anfang. Das war meiner. Damit begann ein mühevoller, schmerzhafter und oft auch zorniger Weg zu meinem Körper. Von entscheidender Bedeutung war die Teilnahme an verschiedenen Workshops mit den Themen Behinderung und Sexualität oder Behinderung und Partnerschaft, mit Kursleitern, die neben ihrer Funktion als ausgebildete Berater selbst Betroffene sind, sowie der Erfahrungsaustausch mit den anderen Teilnehmern. Ich habe eine Psychotherapie begonnen, ließ mich viel massieren und vor allem begann ich professionell zu tanzen. Doch was das Wichtigste ist: ich habe geredet, geredet, geredet, geweint, geflucht und gevögelt, ich war unvorsichtig und ich hatte Angst.
Doch zum erstenmal erlebte ich meinen Körper als Teil meiner Person, als etwas, an dem nicht nur kritisiert, korrigiert und operiert wird, sondern als Körper, der Lust empfangen und bereiten kann. Als Frau, die sich dieses positive Grundgefühl immer und immer wieder neu erkämpfen muss und will.
Ein eigenes Körperschema finden ist ein wichtiger Aspekt dabei, den Kreislauf defizitärer Zuschreibungen zu durchbrechen und zum Teil die selbst mitaufgerichteten Gefängnismauern abzubauen, damit Platz für neue Erfahrungen geschaffen werden kann. Dabei sind andere Werte und Maßstäbe zu finden und zu entwickeln, die Menschen mit Behinderungen auch gerecht werden. Sie müssen die sich ständig wandelnde Definition von Ästhetik mitgestalten, ihren eigenen Zugang zu Sexualität und Erotik finden und dabei zu dem stehen, wer sie sind und was sie sind. Sie müssen mutig sein, sie müssen wagen und sie müssen wollen. Sie müssen aber zunächst sich selbst geben, was nichtbehinderte Menschen in diesem Spiel der Erotik so anziehend macht: eine gewisse Portion Selbstliebe, Freude an sich selbst, narzisstischer Stolz und das Bewusstsein, etwas wert zu sein.
Ist die so fett, oder warum kauft die Umstandsmoden?
Hallo liebe Leser,
last but not least folgt nun das Referat von Tanja Miedl, ihres Zeichen selbstständige Referentin und Mitarbeiterin in der Beratung für behinderte Menschen mit dem Schwerpunktthema "Mutterschaft, Frausein und Behinderung". Wer mehr über ihre Arbeit und ihr Beratungsbüro Knotenpunkt erfahren möchte kann dies unter folgender Adresse finden: www.knotenpunkt-ingoldstadt.de
Und nun folgt ihr, wie ich finde, bewegendes Referat:
Ist die so fett, oder warum kauft die Umstandsmode?...
...Die kann doch nicht schwanger sein, die sitzt doch im Rollstuhl! Bist du künstlich befruchtet worden?
Fragen, Statements, Aussagen, die mich manchmal hart getroffen, die mich geärgert haben, die weit in meine Intimsphäre eingedrungen sind. ... und wie schaffst du das alles?
Diese Frage ist eine der häufig gestelltesten, wenn deutlich wird, dass dieser kleine 3 jährige Lauser auf meinem Schoss mein eigenes Kind ist. Oft ärgert mich diese Frage, denn sie klingt irgendwie anmaßend, so, als hätten mein Mann Chris und ich uns entschieden, zu einer Familie werden zu wollen, ohne dies zu überdenken und zu organisieren. Doch im Grunde würde ich diese Frage auch stellen oder es würde mich zumindest brennend interessieren, wie das Familienleben denn so aussieht, wenn die Mama im Rollstuhl sitzt, auf Grund ihrer eigenen Behinderung selbst so stark eingeschränkt ist. Es sieht anders aus ... definitiv!
Ich bin Tanja Miedl, erkrankt an einer "Spinalen Muskelatrophie Werdnig-Hoffmann" und ich lebe ein (fast) traditionelles Frauenleben: Ich bin verheiratet, habe einen Sohn – Laurenz – und arbeite als Sozialpädagogin selbständig als Bildungsreferentin und Beraterin für Menschen mit Behinderung.
Als mein nicht behinderter Mann und ich uns im Jahr 2000 ganz modern im Chat einer bayerischen Radiostation kennen lernten, glaubte keiner, dass wir innerhalb von drei Jahren von zwei Singles zu einer Familie werden würden. Vor allem meine jetzigen Schwiegereltern hatten sehr große Schwierigkeiten, zu verstehen, warum Chris sein Leben mit mir belasten wollte ... Haus, Job und Freiheit aufgeben, um mit mir sein Leben zu teilen. So heirateten wir im April 2001 auch nur im Kreise meiner Familie, Chris‘ Eltern und Geschwister hatten sich entschieden, die Entscheidung ihres Sohnes und Bruders nicht mitzutragen. Für‘s Erste. Doch die Zeit bringt Veränderung und so hat Chris‘ Familie gelernt, mit seiner Entscheidung für uns zu leben.
Als dann Laurenz uns sein Ankommen in einem Schwangerschaftstest im Januar 2003 ankündigte, war da zu Anfang nicht nur Freude: Meinen Mann quälte vor allem die Angst um mich, mich beschäftigte vor allem, dass ich dieses Baby und mich gesund durch 40 Wochen Schwangerschaft bringe.
Ein professionelles und belastbares Netz aus Gynäkologen, Hebamme, Physiotherapeutin und nicht zuletzt Familie begleitete und betreute uns, bis zu Laurenz Geburt per Kaiserschnitt in der I. Frauenklinik der LMU in München am 02. September 2003.
Mein Mann und ich wurden Eltern, meine Mutter – die bei uns lebt und bisher schon den Grossteil meiner Assistenz und Pflege übernimmt – wurde zur „Fulltime-Oma“
Sehr früh haben wir uns für das Konstrukt der Familienassistenz entschieden, wollten damit den Einfluss von außen durch fremde Helfer so gering als möglich halten und: das Leben muss ja weiterhin finanzierbar bleiben.
Da Eltern mit Behinderung auf sehr unflexible soziale Programme und Gesetze stoßen, in denen die Elternschaft von Menschen mit Behinderung nicht enthalten und vorgesehen ist, wäre in unserem Fall eine andere Organisation der Betreuung und Pflege meines Sohnes nicht zu finanzieren gewesen, da die Zuständigkeit anderer Kostenträger (SGB IX, BSHG, Pflegeversicherungsgesetz, KJHG) hier nicht greift.
Ich ging also in Elternzeit, mein Mann weiterhin zur Arbeit und meine Mutter hörte auf zu arbeiten, um – neben meiner Pflege – meine Assistenz in der Betreuung und Pflege von Laurenz zu übernehmen, wenn mein Mann arbeitete. Eine nicht unkritische Konstellation für alle Beteiligten, die viel Selbstdisziplin fordert.
Meine Mutterrolle, mein „Mama sein“ kann ich wegen meiner starken Behinderung nur durch die Assistenz meiner Mutter oder meines Mannes ausfüllen.
Ich musste schmerzhaft meine eigenen Grenzen erkennen, die mir mein Sohn deutlicher machte, als sie mir je waren.
Am meisten schmerzt es, wenn man sein Kind nicht einfach in die Arme schließen und drücken kann – auch dafür Hilfestellung braucht. Da macht es weniger aus, beim Wickeln, Füttern und Anziehen „nur“ dabei zu sein.
Anfangs machte mir das große Probleme, doch dann sagte eine selbst behinderte Mama zu mir, dass Liebe und Verantwortung für mein Kind auch heißt, dafür Sorge zu tragen, dass ich die Hilfe habe und annehme, die ich brauche, damit mein Sohn hat und bekommt, was er braucht.
So wurde es besser ... und die Zeit tut ihr übriges. Mittlerweile ist Laurenz so groß, dass er sich mit mir auf einer anderen Ebene treffen kann: Er ist mir Kraft, Hand und Fuß, wir schauen uns in die Augen, reden miteinander. Wir sind ein gutes Team geworden.
Wird man Eltern, verändert sich damit aber auch unmittelbar die Partnerschaft. Ein Phänomen das mit Behinderung nichts zu tun hat und sicher alle Eltern kennen ... in unserer Beziehung wohl aber noch deutlicher wird. Die Zeit, die mein Mann Chris und ich gemeinsam und allein verbringen, reduziert sich auf ein Minimum oder auf Zeiten meiner Pflege – doch selbst wenn mein Mann mir die Haare wäscht, liebt unser Sohn es, in der Wanne mit zu pantschen.
Romantische Essen im Kerzenschein, ein gemütlicher Video-Abend, ein ruhiger Shopping-Bummel – so verbrachten wir vor unserem „Eltern-Status“ unsere Freizeit.
Jetzt bummeln wir durch den „Toys’R’us“, stehen vor Karussellen und schlürfen in Windeseile unseren Cafe Latte, unterbrochen von den Sprints, die mein Mann hinlegt, um den Ausreißer einzufangen, der gerade die Regale im Nachbargeschäft beginnt auszuräumen.
Mein Mann hat einen „Rund-um-die-Uhr-Job“, in seiner Arbeit und danach dann zu Hause, als Papa, Ehemann und Assistenzkraft. Mein Mann ist die wichtigste Einheit in meinem Leben und meinem Herzen.
Seine Rolle als Papa und Ehemann muss er ganz anders gestalten, als traditionell üblich.
Zeit für Individualität, eigene Hobbies und Freiräume bleibt ihm jetzt noch nicht.
Wie eingangs schon erwähnt, sieht unser Familienalltag definitiv anders aus, als der nicht behinderter Eltern.
Gute Organisation und Absprache untereinander sind das A und O, dass der Alltag funktioniert und Laurenz zu einem glücklichen und zufriedenen Menschen werden kann.
Wir gehen, wie andere auch, zum Schwimmen, Turnen, in den Zoo, fahren in den Urlaub. Natürlich ist auch hier Organisation nötig, denn auch im Mutter-Kind-Alltag sind Mamas mit Behinderung nicht vorgesehen, so dass es kaum barrierefrei nutzbare Angebote gibt.
Mutter m. Beh. zu sein bedeutet ein hohes Maß an Energie, Kraft, Selbstvertrauen und Selbstbehauptung ... aber nicht wegen der Kinder. Ganz im Gegenteil: Kinder von Eltern m. Beh. sehen die Einschränkungen ihrer Mamas oder ihrer Papas als „normal“. Sie verfügen, auf Grund gelebter anderer Lebenssituationen und –strukturen, über weitaus mehr soziale Kompetenz, als unsere Gesellschaft im Allgemeinen.
Hört man auf, sich als Mutter mit Behinderung, als Unikat oder Exotin zu sehen, Bewunderung anderer Mütter oder die Frage „Wie schaffen Sie das alles?“ als schlichtes Kompliment und nicht als lavierte Diskriminierung auf zu fassen und sich – wenn möglich – einfach unter das Volk der „normalen Mütter“ mischt, können die noch immer vorhandenen Tabus zu Behinderung, Partnerschaft und Elternschaft am besten aufgebrochen werden.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit Tanja Miedl
Partnerschaft und Behinderung aus psychologischer Sicht
Hallo ihr Lieben,
das Referat stammt aus der Feder von Nicole Meyer . Dies soll nun vorerst der letzte Beitrag zu diesem Thema sein. Ich wünsche euch eine aufschlussreiche Lektüre....
Partnerschaft und Behinderung aus psychologischer Sicht
Nicht nur Johann Gottfried von Herder sagt: „Das Glück, geliebt zu werden, ist das höchste Glück auf Erden.“ Doch die Liebe ist nicht nur die schönste sondern leider auch schmerzhafteste Sache der Welt und gerade im Zusammenhang mit Behinderung ein schwieriges Thema.
Als Betroffener hat man oft den Eindruck, als potentieller Beziehungspartner schlicht und einfach nicht zu existieren. Ein Nichtbehinderter kann sich eine Beziehung mit einem behinderten Partner oft schwer vorstellen, Behinderte laufen deshalb hier häufig außerhalb jeder Konkurrenz. Sie sind nicht hübsch oder hässlich, sie sind behindert oder wie der Titel einer Fotoaktion für behinderte Frauen einmal aussagte: „Geschlecht behindert, Merkmal weiblich.“ Diese Tatsache ist den wenigsten bewusst und wenn man nachfragt wird man als Behinderter durchaus als hübsch, intelligent, nett, höflich, interessant etc. bezeichnet und es wird beteuert, dass die Zukunft sicher einen wunderbaren Partner für jeden bereithält. Diese Sympathie-Bekundigungen sind auch durchaus ernst gemeint, nur für den Gefragten meist zufällig nicht zutreffend, was eigentlich sehr merkwürdig ist, bei genauerer Betrachtung aber durchaus nachvollziehbar.
Warum kommt ein Behinderter als Beziehungspartner so selten in Frage? Hier spielen mehrere Aspekte eine Rolle. Erstens ist der Umgang mit einem behinderten Menschen oft mit vielen Ängsten verbunden. Für den Nichtbehinderten entstehen Fragen wie: „Kann und will ich meinen Partner pflegen?“, „Kann ich mit ihm all die Dinge unternehmen, die ich sonst auch täte?“ oder „Will ich eine so große Verantwortung übernehmen?“. Es ist nun einmal Tatsache, dass bestimmte Unternehmungen (man denke z.B. an sportliche Aktivitäten) durchaus mit Schwierigkeiten verbunden sein können. Auch das Thema Sexualität wirft sicher einige rein praktische Fragen auf. Eine weitere Schwierigkeit kann vor allem im Teenageralter, der Zeit der ersten Beziehungen, auftreten: behinderte Beziehungspartner sind in gewisser Weise nicht „vorzeigbar“. Ein Partner ist eine Art Statussymbol. Freunde und Verwandte wollen ihn kennen lernen und bilden sich ihre Meinung über denjenigen. Nicht selten steht man dann Vorurteilen und Ängsten gegenüber und gerät somit oft unter einem Rechtfertigungszwang.
Das dritte und wohl gravierendste Problem ist die Attraktivität, welche laut verschiedener wissenschaftlicher Studien ein wichtiges Kriterium der Partnerwahl darstellt. Das beginnt bei den sekundären Geschlechtsmerkmalen wie Busen, Taille o.ä. und endet bei speziellen Problemen einzelner Krankheitsbilder wie z.B. Körperhaltung oder verkrampfte Gesichtsmuskulatur. Das Schönheitsideal, welches die heutigen Medien beherrscht, ist für diese Problematik sicher auch wenig förderlich - oder welcher Rollstuhlfahrer kann mit 90-60-90-Maßen mithalten? Auch wenn man sich bei der Partnerwahl oft nicht bewusst von Äußerlichkeiten leiten lassen möchte, so beeinflusst das äußere Erscheinungsbild eines Menschen in jedem Fall unbewusst die Gefühle, die man für sein Gegenüber entwickelt. Darüber hinaus besagen Theorien aus dem Bereich der evolutionären Psychologie, dass das genetische Angebot eines Geschlechtspartners ausschlaggebend für die Partnerwahl ist. Man sucht sich immer diejenigen Väter bzw. Mütter, welche die „besten“, d.h. die gesündesten Gene für den Nachwuchs bereithalten. Ein behinderter Mensch demonstriert leider auf eine sehr deutliche Art und Weise, dass das nicht unbedingt gegeben ist. Außerdem sollte ein potentieller Partner die Mutter- bzw. Vaterrolle erfüllen können und auch hier entsteht die Frage, inwiefern ein behinderter Mann oder eine behinderte Frau der entsprechenden Rolle gewachsen ist.
All diese Aspekte sind natürlich nicht nur einseitig relevant. Stattdessen treffen all die eben erörterten Themen ja auch für den Betroffenen selbst zu. Das heißt, dass auch ein behinderter Mensch sich einen Partner sucht der den einschlägigen Kriterien für die Partnerwahl entspricht. Daraus resultiert das Problem, dass für einen Behinderten die Spanne zwischen den Ansprüchen an einen Beziehungspartner und den Möglichkeiten, die man für deren Umsetzung hat, sehr groß ist. Darüber hinaus spielen bestimmte Ängste bezüglich der Beweggründe für die Beziehung (man denke hier beispielsweise an die Angst, aus Mitleid gemocht zu werden) oder dem, was man als Behinderter seinem Beziehungspartner bieten kann, eine große Rolle. Mit derartigen Bedenken tut man dem geliebten Menschen schnell unrecht, was eine Beziehung auf Dauer relativ schwierig machen kann.
Alle diese Gründe machen das Thema „Liebe“ für jemanden, der ein Handicap mit sich trägt, aber auch für andere Menschen, die in irgendeinem Punkt nicht dem Ideal der Gesellschaft entsprechen, sehr schwierig. Aber trotzdem kann man und sollte man diese „schönste Sache der Welt“ nicht aus seinem Leben streichen, sondern tapfer weiter kämpfen und hoffen, dass einem irgendwann einmal das Gegenteil bewiesen wird ...